Es war mal wieder Zeit für die alljährliche Freundeskreis- und Gruppenbegleitertagung 2025 in Reimlingen. Dieses Jahr wird es also das zweite Mal für mich sein und durch die Erinnerung an die bereits vergangene Veranstaltung im Jahr zuvor war die Vorfreude sehr groß.
Zum einen wegen dem Wiedersehen vieler im letzten Jahr kennengelernten und liebgewonnenen Menschen, die meinen Weg wenn auch unbewusst sehr geprägt haben.
Zum anderen sorgt das Wissen über neue Erfahrungen und Lehrreiches für meine Freude und Motivation.
Ich wollte natürlich auch erzählen wie es mir in diesem Jahr ergangen ist und stolz von meinen Fortschritten berichten. Denn in diesem Umfeld fällt es den Teilnehmern/innen leicht bzw. leichter von Dingen zu erzählen die sie in vielen anderen Kreisen nicht äußern würden. Hier ist es also ein für mich sicherer Ort in meiner Welt des Alkoholismus, der Suchtmittel und den Unsicherheiten und Ängsten. Denn hier werde ich gehört, akzeptiert und verstanden.
Die Anreise war mit dem Auto wie immer ein Einfaches. In Reimlingen angekommen wurde sich erstmal herzlich begrüßt, das Zimmer bezogen und dann zu Abend gegessen. Das Essen war wie letztes Mal vorzüglich und reichlich. Gut gesättigt ging es dann in die Begrüßungs- und Einführungsrunde für das vor mir liegende Wochenende.
Hier wurden wir dann in vier Gruppen eingeteilt die nacheinander auf die Themen
- "Rückfallmodell nach Marlatt & Gordon" - begleitet von Uwe Rothämel und Franz Milz
- "Hochrisikosituationen und scheinbar Harmlose Entscheidungen" begleitet von Martina Keck und Barbara von Grotthuss
-"Abstinenzfördernde Gedanken und Strategien" begleitet von Thomas Einsiedel und Johannes Kuck
und die Supervision von den Therapeuten Jessica Tursi und Hartmut Amos fokussierten.
Meine erste Gruppe war nach einem 1 bis 4 Zählspiel also die Nummer drei. Somit ging der erste Abend dann auch schon so langsam Richtung Ende zu.
Einige der Teilnehmer saßen dann noch zusammen und man hat sich ungezwungen unterhalten. Es wurde gelacht, ernste Themen wurden angesprochen und man hat sich ausgetauscht bis man sich dann auf sein Zimmer zurückzog um den Schlaf der gerechten genießen zu können. :)
Der zweite Tag ging dann mit Kaffee und Frühstück los und mündete danach dann inder Einstimmungsrunde mit einem Lied von Unheilig. Von dort aus ging es dann zu den verschiedenen Stationen.
Ich hatte also das Vergnügen die Ausarbeitung der dritten Station von Thomas und Johannes beiwohnen zu können. Dort redeten wir über unsere individuellen Strategien und Gedanken die für uns eine abstinenzfördernde Wirkung haben. Es fiel mir einmal mehr auf wie gut mir dieser Austausch tut. Hier kann ich immer wieder etwas Neues lernen und bekommt andere Sichtweisen auf Dinge. Denn auch wenn ich denke ich weiß schon viel, wird mir immer wieder bewusst das ich noch so viel von den anderen- in meinem Fall - älteren Mitgliedern lernen kann. Ich bekomme auch andere Sichtweisen auf bestimmte Situationen.
Nach diesen für mich sehr intensiven eineinhalb Stunden war unsere erste Kaffeepause dran und wir tauschten untereinander unsere Erfahrungen der vorangegangenen Station aus. Das finde ich immer wieder sehr erfrischend. Dann ging es schon in die Supervision von Jessica und Hartmut. Eine wichtige Anlaufstelle für den ein oder anderen der ein Anliegen hat daß ihn beschäftigt. Ich bin der festen Überzeugung, dass es manchmal jemanden mit notwendiger Expertise braucht der die Karten unverblümt auf den Tisch legt und einem die Augen öffnet bzw. sein Bestes gibt das zu erreichen. Es waren auch hier wieder sehr intensive aber auch notwendige, wichtige und intensive Gespräche auch ohne ein Thema meinerseits. Hier konnte ich trotz alledem auch viel für mich selbst mitnehmen. Denn hier fiel mir einmal mehr auf wie wichtig mir Anerkennung und Liebe waren und was ich alles in Kauf genommen habe um diese früher unter Zwang zu bekommen. Es wurde mir tatsächlich bewusst, dass ich in meinen knapp 2 Jahren Abstinenz schon viel durch diese Menschen, Seminare und Tagungen lernen und mitnehmen durfte. Knapp zwei Jahre sind für mich natürlich eine lange Zeit aber auch ein Wimpernschlag, wenn man es darauf ankommen lässt.
Dann ging es nach einer weiteren kurzen Pause auch schon in die Station eins von Uwe und Franz. Hier habe ich dann bemerkt das wir Anwesenden alle sehr ähnliche Verhalten an den Tag legen und doch so unterschiedlich damit umgehen oder diese wahrnehmen. Wir sind so gleich und doch so verschieden. Was den einen tangiert, habe ich leichter bei mir akzeptieren oder daran arbeiten können und umgekehrt.
Es war mir auch hier ein wahnsinniges Fest denn man lernt nie aus, und das Thema Rückfall und dessen Prävention ist allgegenwärtig und hat immer seine Notwendigkeit.
Eine kurze Verschnaufpause später ging es dann schon in den letzten Tagesblock für heute. Abstinenzfördernde Gedanken und Strategien von Martina und Barbara. Hier konnte ich von meiner bisher bewusst größten Angst erzählen bei der ich rückfallgefährdet sein könnte. Hier wurde ich nicht nur ernst genommen und verstanden, sondern habe ich etwas Wichtiges erfahren dürfen. Ich bin nicht alleine damit.
Wir redeten also mehr als eine effektive und sehr aufschlussreiche Stunde über unsere Gefühle, Ängste, Rückschläge, Strategien, Tipps und Hoffnungen. Es wurde mir also wieder einmal mehr bewusst wie sehr ich diese Gruppe in meinem Leben haben möchte und wie viel ich an nur einem einzigen Tag für mich selbst mitnehmen kann. Wie beim letzten Mal wird das meiste erst in ein paar Tagen Wurzeln schlagen. Doch der Samen wurde gesät. Wie beim letzten Mal gehe ich stärker und für mich selbst sicherer aus diesem Wochenende heraus.
Am Sonntag wurde dann noch gemeinsam gefrühstückt. Die Taschen gepackt und in die Autos geladen bevor es dann zu den letzten Punkten des Vormittags und dieses tollen Wochenendes ging. Hier fassten wir dann unsere Themen noch einmal zusammen und klärten aufgetretene Fragen. Hörten Aktuelles vom Bundesverband berichtet von Ralf Vietze, dem Vorsitzenden des Bundesverbandes.Wir hörten Neues aus den Freundeskreisen. Berichte von Veranstaltungen, sowie Termine und Planungen von Organisatorischem. Bevor wir uns dann über das Mittagessen hermachten und die Heimreise antraten.
Abschließend möchte ich als "Neuling" dieser atemberaubenden neuen Welt noch ein paar für mich wichtige Worte sagen.
- Ja, das Leben kann hart sein und einen zu Boden werfen. Ja, es gibt einen Punkt an dem man denkt es ist alles nicht mehr zu ertragen und man sollte einfach aufgeben und es so hinnehmen wie es ist. Doch genau da ist es wichtig sich aufzubäumen und sich selbst zu zeigen dass es anders geht. Schiffe sind im Hafen sicherer ja, aber dafür wurden sie nicht gebaut. Ich kann natürlich nur von mir selbst reden aber ich habe eine Stärke in mir gefunden, die ich unter keinen Umständen gefunden hätte, wenn ich es nicht wenigstens versucht hätte. Diese Kraft entsteht nicht von heute auf morgen. Manchmal kommt Sie auch nicht einfach von alleine sondern von Angehörigen, den Freunden, dem Freundeskreis. Wenn man bereit und das alles annimmt, bekommt man eine Chance die nicht jeder einfach so geschenkt bekommt. Eine zweite Chance auf ein neues, erfülltes, anderes Leben mit mehr Freude. Nichts was sich auf dieser Welt zu haben lohnt, fällt einem einfach in den Schoß. Doch ich weiß ich bin nicht alleine und werde es auch niemals mehr sein. Solange es solche Organisationen wie z.B. den Freundeskreis gibt werde ich auch immer aufstehen können selbst wenn ich falle. Denn dort sind Hände die mir hochhelfen und das ohne wenn und aber.
Vielen Dank, dass ich hier sein durfte
Ebenfalls möchte ich mich bedanken, dass mir die Schönheit des Lebens auf der anderen Seite der einst von mir selbst errichteten Mauer gezeigt wurde. Dank eurerUnterstützung konnte ich Stein für Stein von dieser abtragen und den Horizont endlich wiedersehen.
Ein Erfahrungsbericht von Kevin Kratzer
Freundeskreis Feucht.